
In Charmey kann man im Winter auf Schnee den Berg hinunterbrettern. Und das ganze Jahr über kann man auch nach unten rutschen, wenn man möchte. Möglich macht es der Rutschenwanderweg, den das Seilbahnunternehmen TéléCharmey SA im Sommer 2025 eröffnete. Wichtig war Generaldirektor Claude Gendre und seinem Team, die Schäden an der Natur so gering zu halten, dass sie anschliessend nichts «reparieren» mussten. TéléCharmey zeigt mit dem Rutschenwanderweg, dass Naturschutz und Gästeerlebnis durchaus kompatibel sein können.
Rettende Idee zum richtigen Zeitpunkt
Das Seilbahnunternehmen TéléCharmey SA ist ein junges Unternehmen: Es wurde im August 2019 nach dem Konkurs der Vorgänger-Firma gegründet. Für die neue Geschäftsleitung war klar, dass sie auf ein vielfältiges und ungewöhnliches Freizeitangebot für alle vier Jahreszeiten setzen musste, um die Zukunft des neuen Seilbahnunternehmens zu sichern. Ausser beim Skifahren, Rodeln und Wandern können die Gäste die Umgebung nun beispielsweise im Klettersteig, beim Paragliding, an Seilrutschen oder im Hochseilgarten erleben. Und seit Juli 2025 bietet der neue Rutschenwanderweg ein weiteres Erlebnis der besonderen Art.
Die Idee für den Rutschenwanderweg kam laut Claude Gendre genau im richtigen Moment. Ein befreundeter Paraglider erzählte ihm 2022 von einer riesigen Rutsche im Wald, die er in Österreich am Wildkogel überflogen hatte. Ob das nicht auch etwas für Charmey wäre? Das Team der Seilbahn hatte gerade festgestellt, dass ein geplantes Mountainbike-Projekt deutlich komplizierter werden würde als gedacht. Die Alternative schickte sprichwörtlich der Himmel.
Nach einigen Erkundigungen und Recherchen stand für Gendre fest: So etwas machen wir auch, idealerweise zwischen der Mittel- und der Gipfelstation und auf einem bereits bestehenden Wanderweg.
Die Natur schützen, das Erlebnisangebot erweitern
Der neue Rutschenwanderweg sollte mit so geringen Eingriffen wie irgend möglich realisiert werden. Denn Gendre wollte unbedingt verhindern, erst alles mit grossen Maschinen kaputtzumachen, um es anschliessend mühsam wieder zu renaturieren. Das sei ähnlich wie bei einem Hausbau – so richtig schön sei die Aussenanlage ja erst nach zwei bis drei Jahren. Er wollte aber, dass die Gäste schon bei der Eröffnung das Gefühl hätten, die Rutschen und der Weg wären schon immer dagewesen.
Um das sicherzustellen, arbeitete die Seilbahn eng mit einem Biologen zusammen, der die Aufgabe hatte, die Umweltauswirkungen des geplanten Projektes zu analysieren und sie so gering wie möglich zu halten.
So stellte der Experte beispielsweise fest, dass der bestehende Wanderweg an zwei Stellen durch schützenswerte Gebiete führte. Gemeinsam entwickelte man für diese beiden Bereiche eine alternative Wegführung. Mit dreifachem Gewinn: Die beiden sensiblen Gebiete wurden der Natur überlassen, die neue Wegführung ist für die Gäste deutlich attraktiver als die alte, und sie läuft unterhalb der Seilbahn entlang. Das ist marketingtechnisch gesehen von Vorteil, weil die Gäste die Rutschen von oben sehen können. Gleichzeitig wird der Besuchendenstrom so durch ein Gebiet geführt, in dem bereits Infrastruktur stand.

Bauen ohne Beton
Auch bei der Suche nach einem Rutschenproduzenten stand der Erhalt der Natur im Vordergrund. Es dauerte deshalb eine Weile, bis Gendre ein Unternehmen gefunden hatte, das bereit war, die Rutschen ohne Beton zu montieren und die einzelnen Rutschenteile dem Verlauf des Geländes anzupassen.
Grosse Betonsockel bergen mehrere Probleme: Um sie zu bauen, müssen grosse, tiefe Löcher gegraben werden, und es ist schweres Gerät notwendig. Der Eingriff in die Natur ist also immens. Ausserdem wären sie schwierig zu entfernen, wenn die Rutschen einmal abgebaut werden sollten. Häufig bleiben Betonsockel bei Rückbaumassnahmen daher einfach im Boden.
Gendre wollte aber das genaue Gegenteil: Eingriffe nur mit chirurgischer Präzision, und alles sollte möglichst rückstandslos wieder abbaubar sein. Ausserdem sollte möglichst kein «fremdes» Material in den Wald gebracht werden. Statt auf Betonsockeln sind die insgesamt sieben Rutschen deshalb mit bis zu sechs Meter langen Schrauben im Berg verankert, die Wege sind mit Holz und Hackschnitzeln befestigt.
«Hier in Charmey ist die Natur in einem sehr guten Zustand, weil das Gelände weniger verändert und bearbeitet wurde als in vielen anderen Gebieten. Das wollten wir unbedingt erhalten.» Claude Gendre, Generaldirektor TéléCharmey SA
NGO und Politik als Partnerinnen
Wer schon einmal versucht hat, im Wald etwas zu bauen, weiss: Das ist kein einfaches Unterfangen, denn Waldgebiete gelten als besonders schützenswert. Dementsprechend streng sind die Auflagen, die erfüllt werden müssen. In der Schweiz hatte noch niemand eine solche Rutschenkonstruktion in einen Wald gebaut. Gendre und sein Team rechneten daher mit vielen kritischen Fragen und einigem Gegenwind.
Die Strategie von TéléCharmey war, alle möglichen Einwände und Rückfragen von Umweltverbänden, Politik und Grundstückseigner:innen bereits in der Planungsphase zu berücksichtigen und passende Lösungen parat zu haben. Entsprechend glatt verliefen dann auch die Gespräche: Das Projekt bekam grünes Licht. Die Umweltverbände lobten sogar ausdrücklich die Vorgehensweise von TéléCharmey: «Ihr denkt ja schon wie wir!»
«Es war matchentscheidend, dass wir an das Projekt geglaubt haben. Und dass wir bereit waren, zuzuhören und die Bedenken von NGOs und Politik ernst zu nehmen. Letztlich hatten sie alle zum Ziel, das Projekt zu verbessern.» Claude Gendre, Generaldirektor TéléCharmey SA
Transport durch die Luft
Wie transportiert man Rutschenteile, Baumaterial und -geräte auf einen Berg, wenn die Natur von den Baumassnahmen möglichst wenig berührt werden soll?
Wohl dem, der eine Seilbahn hat: Ein Grossteil der benötigten Materialien konnte auf diesem Weg nach oben befördert werden.
Dort, wo Aushubarbeiten notwendig waren, kamen bis auf eine Ausnahme kleine Bagger zum Einsatz, die nicht breiter waren als der Wanderweg. Nur an einer Stelle war für zwei Tage ein Schreitbagger nötig. Manche Rutschenteile konnten nicht mit der Seilbahn transportiert werden und wurden daher per Helikopter zu den entsprechenden Abschnitten geflogen. Auf den ersten Blick nicht das ökologischste Transportmittel, wie Gendre zugibt. Andererseits konnten die Rutschen so genau dorthin gebracht werden, wo sie verbaut werden sollten, ohne extra Zufahrtswege in den Wald schlagen zu müssen.
«Wir wollten, dass die ersten Gäste genau die gleiche Atmospäre erleben wie diejenigen, die in drei bis vier Jahren kommen. Wir haben daher sehr darauf geachtet, dass man bei der Eröffnung des Rutschenwanderweges nicht sieht, dass dort kurz zuvor noch Bauarbeiten stattgefunden haben. Ich denke, das haben wir geschafft.» Claude Gendre, Generaldirektor TéléCharmey SA
Erfolgreicher als gedacht
Der Erfolg gibt Gendre und seinem Team recht. Seit der Neueröffnung der Seilbahn im August 2019 hat sich die Zahl der Gäste bis Ende 2025 fast verdreifacht. Diese Entwicklung ist nicht ausschliesslich auf den im Juli 2025 eröffneten Rutschenwanderweg zurückzuführen, sondern auf das Zusammenspiel vieler verschiedener Massnahmen, die Charmey zu einem attraktiven Freizeitziel gemacht haben.
Dass die Rutschen einen positiven Einfluss haben, zeigen die Gästezahlen dennoch: Im Jahr der Eröffnung konnte das Unternehmen im Sommer rund 45 Prozent mehr Gäste begrüssen als im Vorjahreszeitraum (Sommer 2024: 75'000 / Sommer 2025: 108'000). Und das, obwohl die Rutschen erst in der zweiten Hälfte der Sommersaison eröffnet wurden.
Damit übertrifft der Rutschenwanderweg schon jetzt die Prognosen, mit denen Gendre und sein Team die Investor:innen seinerzeit überzeugen konnten. Er geht deshalb davon aus, dass sich das Projekt schon ca. drei Jahre nach seiner Eröffnung amortisiert haben wird.
Dass es mit der Amortisation so schnell geht, hängt auch damit zusammen, dass die Investitionen für das Projekt mit CHF 1.4 Mio. relativ überschaubar waren. Laut Gendre hätte man auch das Dreifache ausgeben können, aber kurz nach dem Neustart von TéléCharmey musste er die Kosten sehr genau im Blick behalten. Deshalb hat das ganze Team aktiv mitgeplant und mitgearbeitet, viele Arbeiten wurden intern erledigt. Das zahlt sich nun aus.
TéléCharmey hat noch viel vor
Direkt nach dem Konkurs des vorherigen Unternehmens hatten das Weiterbestehen der Seilbahn und damit der Erhalt der Arbeitsplätze oberste Priorität. Um das zu erreichen, setzte man in Charmey auf eine schnelle Transformation hin zu einem ganzjährigen Erlebnisangebot, das insbesondere für Familien attraktiv ist. Gleichzeitig war für die neue Geschäftsleitung klar, dass das wirtschaftliche Überleben der Seilbahn nicht auf Kosten der Natur gehen durfte. Im Gegenteil: Der Erhalt der attraktiven Kulisse war ein essenzieller Bestandteil der Neuausrichtung. Mit der Eröffnung des Rutschenwanderweges schliesst sich gewissermassen dieses erste Kapitel der Transformation.
Das nächste Kapitel der TéléCharmey SA wird gemäss Gendre das Thema Umwelt- und Naturschutz noch stärker in den Mittelpunkt stellen. Was genau das Unternehmen in diesem Zusammenhang plant, möchte er jedoch noch nicht verraten. Nur so viel: Es geht um die «Seilbahn der Zukunft».
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